Interview mit Kazuhiko Torishima zum 50. »Jump«-Jubiläum

Beitrag von Jawaki

Am 17. Februar 2018 wurde anlässlich des 50. Jubiläums des Weekly Shōnen Jump-Magazins ein Interview mit Akira Toriyamas erstem Redakteur und Entdecker, Kazuhiko Torishima (鳥嶋和彦), der aktuell als Präsident des Hakusensha-Verlags fungiert, auf Asahis Webseite veröffentlicht:

Kazuhiko Torishima, Quelle: asahi.com
Bevor Sie Teil der Jump-Redaktion geworden sind, haben Sie, wie Sie selbst sagten, kaum Manga gelesen.
Als Grundschüler habe ich ein wenig Manga gelesen. Ich kannte Sunday1 und Magazine2, aber Jump existierte zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Ich las nur Bücher. In der Grundschule las ich Philosophiebücher, und danach, in der zweiten Hälfte als Chūgakusei3 mochte ich übersetzte Romane aus dem Ausland sehr. Später, nachdem ich die Universität abgeschlossen hatte, begann ich für Shueisha zu arbeiten und wurde der Redaktion der Weekly Shōnen Jump zugeteilt. Obwohl ich eigentlich Redakteur für Monthly Playboy werden wollte.

Wie war damals das Arbeitsklima in der Jump-Redaktion?
Es war ziemlich bedrückend. Es fühlte sich wie eine reine Jungenschule an. Dinge anders anzugehen war inakzeptabel. Neu-Angestellte durften keine Widerworte geben, untergeordnete Mitarbeiter wurden zum gemeinsamen trinken gehen gezwungen, es gab eine strikte Hierarchie, als wäre es eine Sportmannschaft. Jump basiert auf den drei Grundprinzipien Freundschaft, Anstrengung und Erfolg, aber innerhalb der Redaktion schien eine andere Ideologie vorzuherrschen (lacht). Die Denkweise "so benehmen sich Männer nun einmal" gefiel mir schon damals nicht besonders. Diese Art von Arbeitsklima passte einfach nicht zu mir.

Und zwischen Ihren Kollegen herrschte ein heftiger Konkurrenzkampf, nicht wahr?
Das oberste Ziel eines Jump-Redakteurs war es, in den Umfragen, die jede Woche eingesandt wurden, an Beliebtheit zuzulegen. Wenn man nicht beliebt genug werden konnte, waren die Jobs in der eigenen Abteilung und des Mangazeichners in Gefahr. Aber alle kämpften um ein Stück desselben Kuchens, also fühlte es sich so an, als würde jeder nur auf sich selbst und niemanden sonst achten, und die Beziehungen zwischen Redaktionskollegen wirkten oft erzwungen. Manche würden das einen gesunden Wettbewerb nennen, aber das war es nun wirklich nicht.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zu Redaktionskollegen beschreiben?
Bei dem System von Weekly Shōnen Jump werden die Redakteure in Gruppen unterteilt, die aus drei bis vier Mitgliedern bestehen. Jede dieser Gruppen hat ungefähr vier Wochen Zeit, Inhalte für die restlichen Seiten, die nicht mit regelmäßigen Manga-Serien gefüllt werden, zu erstellen. Der Zusammenhalt innerhalb einer solchen Gruppe wurde sehr ernst genommen, und Mitglieder gingen tendenziell täglich gemeinsam Mittagessen oder auch etwas trinken. Während diesen Ausflügen wurde über die anderen Gruppen gelästert, wogegen ich, obwohl ich es als geschmacklos empfand, leider nichts unternehmen konnte. Wir waren zwar alle Teil derselben Redaktion, aber man hatte das Gefühl, dass, wenn man sich einem Arbeitskollegen einer anderen Gruppe nähern würde, einem die Mitglieder der eigenen Gruppe die kalte Schulter zudrehen würden.

Und es gab eine vollständige Trennung zwischen den Abteilungen, oder?
Innerhalb der Firma reichten Beziehungen nicht einmal über die gesamte Redaktion, und der Großteil unserer Arbeit wurde mit unseren eigenen Gruppenmitgliedern erledigt. Darüber hinaus waren sogar Versetzungen zwischen Abteilungen innerhalb der Jump-Redaktion, ganz zu schweigen von Neuanstellungen von Berufserfahrenen, eine Seltenheit. Im Prinzip blieben alle neu-hinzukommenden Absolventen, nachdem sie zu einem Team zusammengestellt wurden, für immer in derselben Gruppe. Obwohl wir alle Teil derselben Firma waren, hatten wir keine Ahnung, was in den Redaktionen der anderen Magazine vor sich ging.

Das klingt nach einem ziemlich abgeschotteten Arbeitsklima.
Und so war ich sehr bemüht, mich nicht mit anderen Personen aus der Redaktion einzulassen (lachen). Ich war für Akira Toriyamas Dr. Slump-Serie zuständig und ungefähr zu dem Zeitpunkt, als sie begann ein Erfolg zu werden, meldete sich der Monthly Playboy (der auch von Shueisha verlegt wird), um über die Serie zu berichten. Der Autor des Artikels war Akira Sakuma, der später Momotarō Dentetsu4 herausbrachte. Ich entwickelte ein gutes Verhältnis zu Sakuma-san und über diese Verbindung wurde ich Yūji Horii von Dragon Quest vorgestellt. So habe ich aktiv Autoren von außerhalb für das Magazin gewinnen können. Dadurch entstanden die "Jump-Sendezentrale", eine Rubrik mit Leserzusendungen, und das "Famicom Shinken"-Segment, das aus Einführungsartikeln zu Videospielen bestand. Personen von außerhalb der Firma einzusetzen, führte zuerst zu Kritik von meinen Kollegen. Sie sagten: "Das kannst du nicht machen. Unsere Umfrageergebnisse werden nach draußen dringen." Am Ende konnten wir diese Projekte nur unter der Bedingung, dass sie in einem Besprechungszimmer arbeiten und keinen Fuß in die Redaktion setzen würden, durchführen. Die kritischen Stimmen verstummten, nachdem diese Rubriken in den Umfragen an den oberen Plätzen gelandet waren, aber hinter meinem Rücken sagten Personen immernoch, dass es eine Energieverschwendung sei, sich auf nicht-Manga-Inhalte zu konzentrieren, und, dass unsere Bemühungen belanglos seien.

Danach verließen sie Jump fürs Erste, um 1993 V-Jump zu starten.
Wenn ich diese Beziehungen zu Personen außerhalb der Firma nicht aufgebaut hätte, wäre ich wahrscheinlich nicht dazu fähig gewesen mit V-Jump anzufangen. Aber meine Amtszeit als Gründer und Chefredakteur betrug dort nur drei Jahre. Wegen sinkender Auflagenzahlen wurde ich 1996 zur Weekly Shōnen Jump zurückgeholt, um sie als Chefredakteur umzugestalten. Der Grund war, dass sie nach dem Ende von Dragon Ball wollten, dass Akira Toriyama mit einer neuen Serie weitermacht. Zu diesem Zeitpunkt schien die Denkweise des Managements zu sein, dass eine neue Serie von Toriyama-san die verlorenen Verkaufszahlen der Jump wiederbeleben würde. Ich wusste aber, dass das schwierig werden würde. Er hatte den Punkt erreicht, an dem es schon qualvoll war, nur Dragon Ball fertigzustellen, und er würde keine neue Serie zeichnen können.

Was war Ihre erste Amtshandlung als Jump-Chefredakteur?
Ich wusste, dass die Zeiten einer 6.530.000-Auflage lange vorbei waren. Schon als ich V-Jump gründete, war ich zuversichtlich, dass eine Zeit kommen würde, in der Manga, Games und Anime von einem einzigen Ort bezogen werden könnten, wie man es bei den heutigen Computern und Smartphones sieht. Ich hatte von Beginn an Zweifel daran, ob es Sinn ergibt, die Auflagenzahlen zu erhöhen. Höhere Auflagen sind nicht die einzige Methode höhere Umsätze zu generieren. Es gibt auch noch Sammelband-Verkäufe und Erträge aus Anime-Umsetzungen, also dachte ich, dass die Gesamtsumme unseren Erfolg definieren sollte. Mit Hits, wie Yu-Gi-Oh!, erreichten unsere Profite Rekordhöhen.

Wie veränderten Sie das Arbeitsklima innerhalb der Redaktion?
Natürlich hatte ich vor, dort für freiere Stimmung zu sorgen. Als erstes wollte ich zu dem "reine Jungenschule"-Ansatz, den Jump zuvor verfolgte, die Mentalitäten von Landwirten und Jägern hinzufügen, deren Eigenschaften unter allen gleichmäßig verteilen, und ein offeneres Gefühl erzeugen. Ich führte Änderungen durch, damit Leute von außerhalb problemlos kommen und gehen konnten und sich Neulinge nicht mehr dazu genötigt fühlten, Einladungen zum Trinken anzunehmen. Ich schuf ein geschärftes Bewusstsein für die Notwendigkeit, Angestellte ihr Arbeitsleben von ihrem Privatleben trennen zu lassen. Das Arbeitsklima ähnelte dadurch weniger einer reinen Jungenschule und mehr einer gemischten Schule. Obwohl wir keine weiblichen Redakteurinnen hatten (lacht).

Anscheinend wurden in der zweiten Hälfte der 90er Jahre Titel, wie Hōshin Engi und Prince of Tennis, die weibliche Fans für sich gewinnen konnten, populärer.
Auf eine Weise könnte das Gefühl, gemischter zu werden, den gesamten Stil von Jump beeinflusst haben. Obwohl das traditionelle Mantra von Freundschaft, Anstrengung und Erfolg langsam zu verschwinden begann, blieb die Idee, dass Umfragen über alles herrschen, bestehen. Damals in den 90er Jahren kamen ungefähr 30.000 Umfragepostkarten pro Woche. Wir bekamen die ersten ungefähr 300 immer Dienstagnachmittag. Diese frühen Berichte stellten eine unglaublich wertvolle Informationsquelle dar. Am Dienstagnachmittag war gerade noch genug Zeit übrig, um Änderungen an unfertigen Manuskripten für die nächste Ausgabe durchzuführen. Heutzutage können wir mit dem Internet und besonders mit Social-Media-Plattformen, wie Twitter, Meinungen von Lesern einfach zusammentragen, aber Jump ist das wahrscheinlich einzige Magazin, das schon damals das Gefühl von solchen lebendigen Inhalten liefern konnte.

In anderen Worten wurde Jump von den Umfragen durch sein Goldenes Zeitalter getragen.
Inhalte basierend auf Interaktionen mit Lesern zu erstellen, könnte die größte Stärke der Jump seit ihrer Gründung sein. Sie ist vielleicht das einzige Magazin bei dem sogar Kinder mitbestimmen und mit ihrer Stimme Veränderung bewirken können. Die Umfragen sind nicht die einzige Informationsquelle auf die wir uns verlassen. Eine weitere entsteht dadurch, dass das Redaktionsgebäude öffentlich zugänglich ist. Lehrer kommen mit dutzenden Kindern, so oft, dass man meinen könnte, dass wir ein Ausflugsziel betreiben. Die jüngeren Mitarbeiter führen sie dann herum, erklären, wie Dinge funktionieren, zeigen ihnen Manuskripte und Ähnliches, aber stellen ihnen auch Fragen, wie: "Was gefällt euch in letzter Zeit am besten?", und tätigen sogar solche Aussagen: "Wir haben hier Merchandise, also nur zu, sucht euch aus, was auch immer ihr davon haben wollt." Ihre Reaktionen sind eine weitere Informationsquelle, die wir nutzen können.

Die Fan-Interaktions-Veranstaltung "Jump Festa" entstand als sie Chef-Redakteur waren, oder?
"Jump Festa" findet jährlich zwei Tage lang im Dezember statt und Leser können kostenlos teilnehmen, also hat es jedes Jahr mehr als 100.000 Besucher. Unser Hauptanliegen ist es, unsere Dankbarkeit für die über das Jahr hinweg von den Fans erhaltene Unterstützung auszudrücken, aber auch dort beobachten wir die Gesichter der Fans, achten auf ihre Reaktionen und benutzen diese als Feedback für das Magazin. Die Veranstaltung selbst basiert auf einem Vorschlag und findet schon seit fast 20 Jahren regelmäßig statt. Man könnte sie also auch in Zukunft als eine neue Stärke von Jump bezeichnen.
1 Abkürzung für Weekly Shōnen Sunday, einem Manga-Magazin des Shogakukan-Verlags, das seit März 1959 erscheint.
2 Abkürzung für Weekly Shōnen Magazine, einem Manga-Magazin des Kodansha-Verlags, das ebenfalls seit März 1959 erscheint.
3 Schüler der Chūgakkō. Auf die Klassenstufen 1 bis 6 der Grundschule (小学校; Shōgakkō) folgen in Japan die Jahrgangsstufen 7 bis 9 der Chūgakkō (中学校), die üblicherweise im Alter von 12 bis 15 Jahren besucht werden. Torishima müsste zu dieser Zeit also ungefähr 14 bis 15 Jahre alt gewesen sein.
4 Momotarō Dentetsu (桃太郎電鉄; “Elektro-Eisenbahn Momotarō”) ist eine Videospielserie, die in Japan seit 1988 erscheint.





Quelle: kanzenshuu.com

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