Interview mit Akira Toriyama aus dem WIRED-Magazin von 1997

Beitrag von Jawaki

Die Januarausgabe der japanischen Version des »WIRED«-Magazins aus dem Jahr 1997 ("Ausgabe 3.01"), die am 21. November 1996 veröffentlicht worden ist, enthielt ein zweiseitiges Interview mit Akira Toriyama, in dem er unter anderem über die "digitale Revolution" und Gokus Persönlichkeit spricht. Interessant ist auch, dass dieses Interview damals noch während der Erstausstrahlung von Dragon Ball GT geführt worden ist.

Cover der WIRED-Januarausgabe von 1997
Wired: Es scheint, als hätte der Umstieg zu digital begonnen. Selbst Dinge wie Comics werden auf CD-ROM gebracht. Glauben Sie, dass die Anzahl digitaler Comics auch weiterhin zunehmen wird?

Toriyama:
Ich denke, sie wird wahrscheinlich weiter allmählich zunehmen. Wenn wir ausschließlich über CD-ROMs reden, dann ist der Vorgang am Ende fast der selbe wie beim Lesen von [gedruckten] Comics, da es einem freigestellt ist, Dinge, wie Zurückblättern, durchzuführen. CD-ROMs könnten sogar besser sein, da sie nicht wie Papier-Comics weggeworfen werden. Es ist trotzdem schwer, das Gefühl von Papier zu ignorieren. Ich vertrete voll und ganz die Einstellung, dass Bücher aus Papier sein müssen.

Wired: Selbst, wenn eines Tages digital das Hauptmedium für Comics sein wird..?

Toriyama: Na ja, das an sich ist für mich persönlich natürlich kein Problem. Leute, die CD-ROMs bevorzugen, werden CD-ROMs benutzen, und Leute die [gedruckte] Bücher kaufen wollen, werden diese gedruckt kaufen. Das ist in Ordnung, finden Sie nicht? Aber wenn einmal, als Beispiel, Dinge wie Sprachausgaben hinzukommen, würde es wahrscheinlich in eine andere Richtung als Comics gehen. Im Fall von Papier-Comics ist es ja so, dass sich jeder beim Lesen die Stimmen so vorstellen kann, wie es ihm gefällt. Das selbe gilt für die Sound-Effekte. Komischerweise auch, weil man bei Comics auf zwei vollständig ausgebreitete Seiten blickt. Man denkt bewusst: "Dieses Panel ist größer als dieses, also enthält es eine stärkere Szene." Also, wenn alle Panels gleich groß wären, würde es sich vielleicht etwas "falsch" anfühlen. Alles, was ich mir selbst sage, ist, dass ich denke, "Comics von einem Bildschirm lesen" könnte das Beste sein.1

Wired:
Sie arbeiten auch an den Character-Designs für Dragon Quest. Mögen Sie also Computer-Spiele?

Toriyama:
Nein, ich habe sie tatsächlich kaum gespielt. Was Character-Designs angeht, habe ich diese ganz am Anfang ehrlich gesagt gezeichnet ohne wirklich zu wissen, was ich tat.

Wired: Ich denke, in den letzten Jahren beschäftigten sich sowohl Sci-Fi-Filme als auch -Romane mit der nahen Zukunft, sodass sie sehr realistisch wirken. Gibt es den selben Trend auch bei Comics?

Toriyama: So ist es auch bei Comics. Sie konzentrieren sich mehr auf Realismus als auf Fantasie. Es ist wie Sie sagen: Wenn es sich nicht um etwas Handelt, das bis zu einem gewissen Grad von den Lesern im Rahmen ihrer Fantasie verstanden werden kann — wie die nahe Zukunft — wird es nicht beliebt sein. Es hat sich gezeigt, dass man mit strengem SF "nicht weiterkommen wird", oder eher, "wenn man eine Geschichte über Lebensformen mit einer vollkommen fremden Kultur auf einem vollkommen unterschiedlichen Planeten zeichnet."

Wired: Also [machen Sie] Dinge, die vor dem Hintergrund der menschlichen Gesellschaft interpretiert werden können...

Toriyama: Richtig. Als ich damals mit Dr. Slump anfing gab es noch Vorgesetzte bei Shueisha, die sich beschwerten: "Wieso können die Tiere reden?" (lacht) Obwohl, ich denke nicht, dass so etwas heute noch passieren würde.

Wired: Dragon Ball ist offenbar selbst in Übersee sehr beliebt. Wie fühlt es sich an, im Ausland Erfolg zu haben?

Toriyama: Hmmm, na ja, ich bin glücklich, aber ich kann es nicht wirklich begreifen. (lacht) Ich habe es nicht mit anderen Ländern im Hinterkopf oder ähnlichem gezeichnet. Es fühlt sich so an, als würde es mich nicht betreffen.

Wired: Was denken Sie ist der Grund, weshalb japanische Comics, nicht nur auf Dragon Ball bezogen, [in anderen Ländern] wertgeschätzt werden?

Toriyama: Lassen Sie mich überlegen... Zum Beispiel tendieren Comics an Orten wie Amerika dazu, Lesestoff für Kinder zu sein und extrem einfache Geschichten zu erzählen, sodass diese nicht mehr im Erwachsenenalter gelesen werden. Oder sie fangen nach der Kindheit stattdessen damit an sich Filme anzusehen. In diesem Sinne denke ich, dass es wahrscheinlich auch den Aspekt der Leute gibt, die Filme machen würden, wenn sie in Amerika wären, aber in Japan Comics zeichnen, da in Japan das durch Filme verdiente Geld nicht zum Essen reicht.

Wired: Da sie sich in einer Situation befinden, in der es keinen Platz für die Konzentration ihrer Talente gibt, landen sie unausweichlich bei den Comics.

Toriyama: Ich denke das ist definitiv der Fall. Immerhin verdient ein Comic-Zeichner, wenn seine Arbeit erfolgreich ist, definitiv Geld, nicht wahr? Also denke ich, dass sich dort Talent auf jeden Fall einfach ansammeln kann. Jedenfalls ist Teil der Anziehungskraft die Tatsache, dass man alles selber machen kann, von der Geschichte bis zu den Zeichnungen. Es ist so, als würde man ganz alleine einen Film machen... es kann ja unmöglich zu Meinungsverschiedenheiten kommen.

Wired: Wie hoch ist bei ihnen das Verhältnis zwischen visuellen und textuellen Informationen beim Zeichnen von Comics?

Toriyama: Wirklich, was die Informationen angeht, ist die visuelle Seite größer.

Wired:
Welche Bedeutung weisen Sie Wörtern zu?

Toriyama:
Auf jeden Fall verschwende ich nicht viel Zeit damit über nutzlose Dinge zu reden. Aus Prinzip versteht man den Inhalt bis zu einem gewissen Grad nur mit den Bildern, Worte sind nicht mehr als ein Zusatz zu diesen. Das wurde mir von meinem ersten Redakteur eingebläut, ich denke man könnte sagen... "Wenn man etwas sagt, dann muss man es zu etwas machen, das die Charakterisierung noch weiter stärkt" ist was ich meine.

Wired: Man muss vorsichtig wählen.

Toriyama: Ja, das stimmt. Wie hält man es kurz, anstatt immer weiter und weiter zu plappern?

Wired: Toriyama-san, egal ob Dragon Ball oder Dr. Slump, ich denke Ihre Arbeiten bieten eine große Anzahl an "herausragenden" Charakteren, die nebeneinander existieren können.

Toriyama: Das könnte mir beim Werbe-Design beigebracht worden sein. Ich denke, dass ich all diese unterschiedlichen Dinge für Supermärkte und große Händler zeichnen musste, war rückblickend eine nützliche Erfahrung.

Wired: Ohne es zu merken lernten sie die Grundlagen...

Toriyama: Richtig. Eine Deadline einzuhalten war auch etwas, das mir bei dieser Firma beigebracht wurde. (lacht)

Wired: Bewahren Sie ihre Manuskripte sorgfältig auf, nachdem Sie sie gezeichnet haben?

Toriyama: Nachdem ich sie fertig gezeichnet habe, fühlen sie sich für mich nur wie Bilder an. (lacht) Vor ein paar Jahren gab es eine Ausstellung über meine Arbeit. Die verantwortlichen Leute, die kamen um meine Manuskripte abzuholen, sahen sie planlos in meiner Garage gestapelt und waren entsetzt: "Was?! So werden sie Schimmel ansetzen!", sagten sie. Leute, die es anständig machen, haben offenbar einen speziellen Manuskript-Raum, in dem sie die Feuchtigkeit kontrollieren können. Ich interessiere mich für so etwas aber nicht. (lacht)

Wired: Bringen Sie ihnen plötzlich Kälte entgegen?

Toriyama: Na ja, auf jeden Fall habe ich keine Bindung zu einer Sache, sobald ich sie fertig gezeichnet habe. Also bekomme ich von Lesern häufig Briefe in denen steht: "Das ist anders als das, was sie zuvor gesagt haben."2

Wired:
Ist das berühmte Beliebtheits-Umfragesystem von Jump sehr streng?

Toriyama: Das ist es. Nur werden die Postkarten normalerweise eingesendet, um die Preise [die unter den Teilnehmern verlost werden] zu gewinnen. Erwachsene füllen diese Fragebögen normalerweise nicht aus und schicken sie nicht ab, nicht wahr? Die Preise richten sich immerhin an Kinder. Also denke ich, dass es für die Comic-Zeichner, die Geschichten für Erwachsene zeichnen, etwas unvorteilhaft ist. Ich denke, dass man sich auch in der Redaktion um die Art, wie die Stimmen gelesen werden, Sorgen macht. Immerhin gibt es Fälle in denen Serien keine Stimmen erhalten, aber sich die Comics [z.B Tankōbon] trotzdem verkaufen.

Wired: Wurden Sie jemals durch das Beliebtheits-Umfragesystem entmutigt?

Toriyama: Ich bin die Art von Person, die sich kaum Sorgen darüber macht, aber, wenn die Reaktionen extrem schlecht waren, gab es Zeiten in denen ich dachte: "Ich frage mich warum?" Ich selbst bin auch eine extrem verdorbene Person. Also, wenn auf einer Leser-Postkarte stand "Das ist so, und das wird so passieren", dann wählte ich bewusst eine Entwicklung bei der das nicht passiert, und, wenn ein bestimmter Charakter ziemlich beliebt wurde, brachte ich ihn bewusst um. (lacht) Da ich es unvorbereitet schrieb und nicht im Voraus entschied [was passieren würde], war es einfach solche Dinge zu ändern, wenn es die Umstände verlangten. Selbst bei Charakteren, die auf den ersten Blick so wirkten, als täten sie das Richtige...

Wired: Es ist tatsächlich "Gift" im Spiel?

Toriyama: Richtig. Da ist die Sache, dass Son Goku aus Dragon Ball im Grunde nicht kämpft, weil er die anderen beschützen, sondern weil er gegen starke Typen kämpfen möchte. Als Dragon Ball animiert wurde, war ich also mit der "aufrichtiger Held"-Darstellung, die sie für ihn wählten, immer unzufrieden. Ich denke, ich konnte sie nicht ganz dazu bringen, die "giftigen" Elemente, die zwischen den Schatten ab und zu auftauchen, zu erfassen.

Wired: Vielleicht, weil sich die Animation ja an Kinder richtet?

Toriyama: Na ja, daran könnte es zusätzlich auch liegen.

Wired: Wie finden Sie eine Balance zwischen den Erwartungen der Leser und den Dingen, die Sie zeichnen wollen?

Toriyama: Na ja, im Grunde denke ich mir immer Ideen aus, um die Dinge, die ich zeichnen möchte, mit Dingen, die sich an Kinder richten, zu vermischen. Aber ich habe keine Erfahrung darin, erfolgreich bei den Lesern zu sein, wenn ich es anstrebe. (lacht) Auf der anderen Seite sind die bei denen ich denke "Das will ich nicht zeichnen" die, die es schaffen. (lacht) Bei dieser Sache habe ich gemischte Gefühle. Zum Beispiel war selbst Dr. Slump zuerst eine "Verückter Wissenschaftler"-Geschichte. Als mir also gesagt wurde "Zeichne es mit dem Mädchen als Hauptcharakter" machte ich natürlich...

Wired: Der Hauptcharakter war ursprünglich Senbei Norimaki.

Toriyama: Genau, und Arale-chan war nicht mehr als eine von Senbeis Erfindungen. Ich weigerte mich sehr ein Mädchen als Hauptcharakter in einem Jungen-Magazin zu haben.

Wired: Wie denken Sie über das Exklusiv-Vertrag-System für Comic-Zeichner bei großen Verlegern, für die Shueisha sinnbildlich ist?

Toriyama: Ich bin in einer Situation in der ich fast alles alleine machen kann, also steht die Zeit, die ich aufbringen kann, ziemlich fest, und an Material nur für Jump alleine mangelt es nicht. Ich habe auch nicht viele Wünsche. Auf jeden Fall denke ich: "Ich bin glücklich, wenn ich einen guten Comic zeichnen kann."

Wired: Ist die Tatsache, dass Jump die Plattform ist für die Sie zeichnen, nichts Besonderes für Sie, Toriyama-san?

Toriyama: Sie ist es nicht. Ich kann nur für eine Plattform zeichnen, also ist es mir egal, welche es ist.

Wired: Ich verstehe. Aber, wenn man die Aussage zu "Es ist mir egal, wo meine Arbeit veröffentlicht wird" umdreht, könnte man es doch so verstehen, dass sich alle derzeitigen Comic-Magazine nur durch ihre Verleger unterscheiden und keine Individualität bieten?

Toriyama: Am Ende hat, obwohl ich dieses oder jenes sage, die Tatsache, dass ich mit Shueisha arbeite, auch mit der Tatsache zu tun, dass die Art, wie andere Redaktionen arbeiten, einfach nicht zu mir passen würde. Die Produktionsmethode bei der ein Expertengremium im voraus über die Geschichte entscheidet und dann sagt "Wen wählen wir aus, der jetzt daran arbeiten soll?" passt nach wie vor absolut nicht zu mir. Ich habe zur Zeit auch keine Pläne eine weitere wöchentliche Serie nach dieser zu machen. Darüber hinaus bedeutet Shueisha für mich: "Bis zu einem gewissen Grad ist es in Ordnung, die Dinge in der eigenen Geschwindigkeit zu erledigen."

Wired: Und wenn sie Klartext mit Shueisha reden müssten?

Toriyama: Es gab einen Punkt an dem ich ein wenig einschritt um das Magazin für eine Weile zu verteidigen. Es fühlte sich so an, als würden sie sich an den Publikumsgeschmack anpassen. Einfach gesagt, gab es Dinge, wie den Start von biographischen Comics über Nobelpreisträger zur Ankündigung des Nobelpreises, und als Mobbing an Schulen scheinbar zum Problem wurde, startete ein Comic über das Mobbing-Problem. Ich denke, dass es in Ordnung ist, solche Dinge zu haben, aber ich denke auch, dass man so etwas nicht in eine Strategie für das Magazin umwandeln sollte. Ich glaube nach wie vor, dass Comic-Magazine reine Unterhaltung sind. Es muss auch den Trend zu "Wenn man ein kleines bisschen Nacktheit zeigt, wird die eigene Serie sofort beendet" gegeben haben. Ich dachte damals: "Ich hätte mich stärker dagegen einsetzen müssen."

Wired: Wann fing das an?

Toriyama: Für mich fühlte es sich ungefähr seit den letzten drei Jahren so an. Ich denke in letzter Zeit wurde es aber um einiges besser.

Wired: Nebenbei: Was ließ sie überhaupt zu einem Comic-Zeichner werden?

Toriyama: Geld. (lacht) Ich wollte das Preisgeld, um ganz ehrlich zu sein. Immerhin wollte ich mit dem Comic-Zeichnen aufhören, wenn ich das Preisgeld gewonnen hätte.

Wired: Das war Ihr Grund?

Toriyama: Na ja, aber jetzt denke ich natürlich, dass dies an sich wahrscheinlich einer der angenehmeren Jobs ist. (lacht)

1 Toriyamas Kommentar beschreibt ziemlich treffend das Problem der modernen “Keitai Manga“. Diese sind Comics, die so formatiert sind, dass sie auf den Bildschirm eines Handys passen. Sie bieten einfach kein richtiges Gefühl von Dynamik oder dramatischen Bildern. Toriyama ist in diesem Punkt ziemlich vorausahnend.
2d.h. da er nicht zurück geht, um seine Arbeit zu überprüfen, macht er Anschluss-Fehler.





Quelle: kanzenshuu.com

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